24.07.2017
Künstliche Intelligenz in der Kapitalanlage – Wenn der Computer spekuliert

Andreas Haubner

Wenn bei der Vermögensanlage über Künstliche Intelligenz (KI) diskutiert wird, geht es meist um zwei Dinge: Handelsstrategien, die auf mathematischen Algorithmen basieren und den Einsatz bei der Auswahl von Aktien.
Seit Jahren werden bereits große Teile des täglichen Aktienhandels von Computern abgewickelt, die sich an programmierte Regeln halten. Das Vertrauen in den Computer ist nicht ungefährlich. Die Gefahr, dass es zu unkontrollierten Abstürzen an den Börsen kommen kann, ohne dass der Mensch rechtzeitig eingreifen kann, besteht nicht nur theoretisch. Bereits im Sommer 2007 reagierten die Handelsalgorithmen bei Goldman Sachs völlig unvorhersehbar und lösten das sogenannte Quant-Beben aus. Innerhalb kürzester Zeit produzierten die computergesteuerten Handelssysteme massive Verluste, die immer weiter anstiegen. Die automatischen Verkäufe der Fonds lösten eine Kettenreaktion aus, da andere Computermodelle den Einbruch als Verkaufssignal deuteten.

Die Befürworter dieser automatisierten Handelsstrategien erklären heute, dass sich die Systeme weiterentwickelt haben. Mittlerweile würden solche schädlichen Kettenreaktionen erkannt und vermieden. Dabei würden die Computer sogar besser reagieren, als ein Mensch dies tun könnte. Kursschwankungen würden sogar reduziert. Da auch beim nächsten Crash an den Börsen wahrscheinlich wieder kein Schuldiger ermittelt werden kann, werden uns die Diskussion und ein ungutes Gefühl erhalten bleiben.

Unbestritten ist, dass in den letzten Jahren deutliche Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz gemacht wurden. Damit ist auch die öffentliche Aufmerksamkeit stark angestiegen. Alexa und Siri haben dazu beigetragen, das Thema breiter zu verankern. Auch wenn es bis heute keine klare Definition gibt, was unter künstlicher Intelligenz zu verstehen ist. Dies scheitert schon an der fehlenden Definition von Intelligenz. Aufmerksamkeit bekommt das Thema derzeit durch das Schlagwort Big Data, also der Möglichkeit, riesige Datenmengen durch einen rasanten Anstieg an Rechnerleistung zu verarbeiten.

Einige Investmentgesellschaften untersuchen schon seit Jahren, wie sich KI im Portfoliomanagement, also bei der Auswahl möglicher Investitionsobjekte, einsetzen lässt. Die hohe Zahl an börsennotierten Unternehmen und die Masse der veröffentlichten Daten sind ein ideales Einsatzfeld von Big Data. Das automatische Erkennen von Mustern in Bilanzen, der Vergleich von Kennzahlen einzelner Unternehmen einer Branche und sogar die Auswertung von Textpassagen in den Geschäftsberichten lassen vollkommen unemotional Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung eines Unternehmens zu.

Mittlerweile gibt es sogar Fonds, bei denen die Fondszusammensetzung ausschließlich dem Computer überlassen wird. Der Computer und nicht der Mensch hat das letzte Wort. Die Fonds verzeichnen erste Erfolge im Performancevergleich mit dem MSCI World Index. Ob allerdings ein Computer lernen kann, ein Gefühl für ein zukünftiges Geschäftsmodell einer Firma zu entwickeln, ist fraglich. Ideal wäre es, wenn der Computer erfolgreiche Unternehmen bereits in einem Stadium identifizieren könnte, in dem die Zahlen auf den ersten Blick noch desaströs wirken.

Unstrittig ist, dass eine selbstlernende KI durch die Verarbeitung riesiger Datenmengen eine Selektion von möglichen Investments deutlich erleichtert oder verbessert. Und ob man dann dem Computer das letzte Wort lässt, bleibt jedem Fondsmanager selbst überlassen.
Wer direkt vom rasant wachsenden Markt der Künstlichen Intelligenz profitieren möchte, dem stehen leider kaum Aktiengesellschaften zur Verfügung, die sich ausschließlich dem Thema KI widmen. Somit verbleiben lediglich Investments in die großen, teilweise schon hoch bewerteten Technologiefirmen wie Alphabet, Amazon oder Alibaba. Eine Alternative sind Technologiefonds, die sich diesem Thema widmen.
Artikel auf finanzen100.de

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