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Wird die klassische Software durch sogenannte KI-Agenten überflüssig?

Die Differenzierung bleibt entscheidend

In den vergangenen Monaten galt als Faustregel: Wer von Künstlicher Intelligenz profitieren will, kauft die Schaufelhersteller dieses modernen Goldrauschs – also Chip- und Infrastrukturwerte. Nvidia, Micron oder TSMC avancierten zu den großen Gewinnern, während viele Softwareunternehmen hinterherhinkten. SAP etwa zählt seit Jahresbeginn mit einem Minus von rund 20 % zu den größten Verlierern im Dax. Doch nun mehren sich die Zeichen, dass sich das Blatt wendet.

Ausgerechnet Nvidia-Chef Jensen Huang liefert dafür die Argumente. Noch vor wenigen Monaten befürchteten viele Investoren, dass sogenannte KI-Agenten klassische Software überflüssig machen könnten. Die Sorge: Wenn KI Aufgaben eigenständig erledigt, braucht es weniger Software-Abonnements – und damit weniger Umsatz für die großen Software-as-a-Service-Anbieter.

Huang hält diese Sichtweise für grundlegend falsch. Er betonte mehrfach, dass Märkte die Auswirkungen von KI auf die Softwarebranche missverstehen. KI werde Software nicht ersetzen, sondern aufwerten und deren Nutzung sogar intensivieren. Unternehmen würden künftig nicht weniger, sondern mehr Software benötigen – allerdings in einer Form, die für KI-Agenten optimiert ist.

Das Betriebssystem der Agenten

Diese Einschätzung hat zuletzt neue Dynamik erhalten. Auf der Computex 2026 erklärte Huang, es sei ein „unglaublicher Zeitpunkt, ein Softwareunternehmen zu sein“ – mit einer entscheidenden Einschränkung: Die Software müsse so gestaltet sein, dass KI-Agenten sie tatsächlich nutzen können. Nicht jeder Anbieter profitiert also automatisch. Hintergrund ist der Übergang zu agentischen KI-Systemen. Diese arbeiten nicht isoliert, sondern greifen auf Unternehmensanwendungen, Datenbanken und Workflows zu. Software wird damit nicht ersetzt – sie wird zum Betriebssystem der KI-Agenten.

An der Börse zeigt sich bereits eine erste Reaktion. Nach Nvidias jüngsten Ankündigungen legten zahlreiche Softwaretitel deutlich zu. Investoren beginnen offenbar zu erkennen, dass KI nicht nur die Nachfrage nach Rechenleistung steigert, sondern auch neue Softwaregenerationen hervorbringt. Unternehmen wie ServiceNow, Adobe, SAP oder Microsoft profitierten zuletzt von dieser Neubewertung.

Hinzu kommt ein struktureller Vorteil: Die Produktivität von Softwareentwicklern steigt durch KI-Tools erheblich. Das bedeutet niedrigere Entwicklungskosten, schnellere Innovationszyklen und potenziell höhere Margen – eine Kombination, die Börsen regelmäßig mit Aufschlägen honorieren.

Differenzierung bleibt entscheidend

Natürlich bestehen Risiken. Die Konkurrenz durch KI-native Start-ups wächst, und etablierte Anbieter müssen ihre Produkte konsequent an die neue Agentenwelt anpassen. Wer diesen Wandel verpasst, verliert Marktanteile.

Selektives Vorgehen bleibt daher geboten. Besonders in Marktnischen mit hohen Eintrittsbarrieren – und überall dort, wo sensible Kundendaten im Spiel sind – werden autonome KI-Lösungen etablierte Anbieter wie SAP oder Microsoft so schnell nicht verdrängen. Compliance, Haftung und Sicherheit setzen Grenzen, die sich nicht per Sprachbefehl überwinden lassen.

Vieles spricht dafür, dass Softwareaktien nach Jahren relativer Schwäche vor einer Renaissance stehen. Während die Infrastrukturseite des KI-Booms bereits hohe Bewertungen erreicht hat, bieten zahlreiche Softwareunternehmen noch Aufholpotenzial. Wenn Jensen Huang recht behält, findet die nächste Phase der KI-Revolution nicht nur in Rechenzentren statt – sondern in den Anwendungen, die Unternehmen täglich nutzen. Nach dem Hardware-Boom folgt der Software-Zyklus. Und genau dort entstehen oft die nachhaltigsten Geschäftsmodelle.

Über die Autorin

Stefanie Dyballa von der KSW Vermögensverwaltung

Als gelernte Bankkauffrau und Betriebswirtin IHK verfügt Stefanie Dyballa über eine mehr als 20-jährige Expertise in der Beratung wohlhabender Privatpersonen und Unternehmen. Nach einer Ausbildung bei der Commerzbank AG in Nürnberg übernahm Stefanie Dyballa 2003 die Position der Private Banking Beraterin. Ab 2011 begleitete sie für sieben Jahre große Firmenkunden und Institutionelle in den Themen Währungs-, Rohstoff- und Assetmanagement.
Die Leidenschaft für Wertpapiere führte sie 2018 zurück in das Privatkundengeschäft. Im Wealth Management Nürnberg der Commerzbank AG übernahm sie als Senior Anlagemanagerin die Beratung anspruchsvoller, vermögender Privatpersonen. Ihre ausgesprochen hohe Kundenorientierung und individuelle Betreuung führt Stefanie Dyballa seit Januar 2023 als Portfoliomanagerin bei der KSW fort.