Warum Frankreich für Anleger interessant ist
Wer an Frankreich denkt, hat häufig Straßencafés in Paris, Rotwein aus Bordeaux oder die bunten Wochenmärkte der Provence vor Augen. Doch hinter dieser romantischen Kulisse steckt weit mehr als „Savoir-vivre“: Frankreich ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union – und wirtschaftlich deutlich vielseitiger, als viele Anleger vermuten.
Besonders stark ist das Land dort, wo Wirtschaft und Emotionen zusammentreffen: in der Luxusindustrie. Konzerne wie LVMH oder Marken wie Dior und Hermès verkaufen nicht nur Produkte – sie verkaufen ein Lebensgefühl. Während Deutschland für Maschinenbau und Präzision steht, exportiert Frankreich Stil, Prestige und kulturelle Strahlkraft. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten erweist sich dieser Markt als erstaunlich stabil, weil wohlhabende Käufer weltweit weiterhin bereit sind, hohe Summen für das Besondere auszugeben.
Industriestärke jenseits des Luxussektors
Doch Frankreich ist keineswegs nur das Land der Mode und Parfüms. Bei Airbus hat die Grande Nation einen bedeutenden Anteil an einem der wichtigsten Luftfahrtkonzerne der Welt. Hinzu kommen starke Positionen in der Raumfahrt, der Verteidigungsindustrie und beim Hochgeschwindigkeitsverkehr. Anders als viele europäische Staaten verfolgt Frankreich seit Jahrzehnten eine aktive Industriepolitik: Der Staat fördert Schlüsselbranchen und schützt strategisch wichtige Unternehmen.
Ein weiterer struktureller Vorteil liegt in der Energiepolitik. Frankreich setzt traditionell stark auf Kernenergie und verfügt dadurch über vergleichsweise stabile Strompreise und eine höhere Energieunabhängigkeit als viele Nachbarländer – in Zeiten gestiegener Energiekosten ein wichtiger Standortvorteil. Nicht zu vergessen: Regionen wie Bordeaux, Burgund oder die Champagne stehen weltweit für Qualität. Französischer Wein ist aber nicht nur ein milliardenschweres Exportgeschäft, sondern zusammen mit anderen hochwertigen Lebensmitteln auch wichtiger Teil der Kultur. Frankreich verteidigt damit erfolgreich eine Qualität des Lebens, die in vielen hochindustrialisierten Ländern zunehmend verloren geht.
Hohe Schulden, moderates Wachstum – und trotzdem interessant
Natürlich hat Frankreich auch Probleme. Die Staatsschulden lagen 2025 bereits bei 115,6 % des Bruttoinlandsprodukts und dürften 2026 weiter steigen. Das Haushaltsdefizit soll laut EU-Kommission bei 5,1 % des BIP verharren, die Wirtschaft wächst nur um rund 0,8 %, und die Arbeitslosenquote könnte auf 8,3 % klettern. Hinzu kommen politische Spannungen, häufige Streiks und ein teilweise starres Arbeitsrecht.
Dennoch sollte man Frankreich als Anleger nicht unterschätzen. Das Land besitzt außergewöhnlich starke globale Marken, eine moderne Infrastruktur und eine enorme kulturelle Anziehungskraft. Luxusindustrie, Luftfahrt, Tourismus und hochwertige Lebensmittel dürften langfristig weiterwachsen. Wer in Frankreich anlegt, investiert nicht nur in Unternehmen, sondern in die vielleicht wertvollste nationale Marke Europas.
Bleibt die Frage nach dem CAC 40. Der French-Blue-Chip-Index hat in den vergangenen Jahren gegenüber DAX und EuroStoxx 50 underperformt – doch hier ist Vorsicht geboten: Der DAX ist ein Performanceindex mit reinvestierten Dividenden, der CAC 40 dagegen ein reiner Kursindex. Bereinigt man diesen Effekt, fällt der Rückstand deutlich geringer aus. Für eine Aufholjagd fehlt es dennoch nicht an Substanz.
Über den Autor

Seit mehr als 30 Jahren fühlt sich Udo Rieder dem Wertpapiergeschäft verbunden. Der Ausbildung bei der Deutschen Bank AG in Nürnberg folgten Einsätze als Investmentmanager in Lübeck und Genf, wo er das internationale Geschäft sehr wohlhabender Klienten betreute. Seine Rückkehr nach Deutschland führte ihn über die Leitung der Vermögensverwaltung für Nordbayern hin zur Verantwortung für die Investmentmanager im neu gegründeten Geschäftsbereich Private Wealth Management. Im Jahr 2008 ist er zur UBS Deutschland AG gewechselt, um die neu zu eröffnende Niederlassung Nürnberg mit aufzubauen. Seine berufliche Tätigkeit wurde flankiert von berufsbegleitenden Studien an der Bankakademie und der European Business School. Zudem ist er zertifizierter Eurex-Anlageberater. Im Januar 2015 trat Herr Rieder als Gesellschafter der KSW bei, um seine Kunden als Portfoliomanager weiterhin individuell zu betreuen.
