Inflation: Kommt die Zeitenwende?

Kommt sie nun, die Inflation, oder nicht? Das ist aktuell eines der meist diskutierten Themen in der Finanzwelt. Doch die Antwort lautet: Wir sind bereits mittendrin! Viel entscheidender ist jedoch, ob die Teuerung nur vorübergehend zulegt, oder ob sie uns noch lange Zeit beschäftigt.

Die Notenbanken haben den Geldhahn weit aufgedreht, um die Schäden durch die Covid-Pandemie an den Kapitalmärkten so gering wie möglich zu halten. Dieses Vorgehen kennen wir bereits aus der großen Finanzmarktkrise 2009. Aber man hat offenbar aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, um Ungleichgewichte zu vermeiden.

Hilfen für die Realwirtschaft wirken

Denn zusätzlich wurden fast in allen Staaten gigantische Hilfsprogramme zur Unterstützung der Realwirtschaft verabschiedet. Dazu wurden Pakete geschnürt, die den Unternehmen und Privathaushalten unter die Arme greifen. Subventionen, öffentliche Investitionen, garantierte Kredite, Konsumschecks, Kurzarbeitergeld usw. In den Vereinigten Staaten übertraf das Konjunkturpaket von Joe Biden in Größe und Umfang sogar das Maßnahmenbündel von Franklin D. Roosevelt zur Bekämpfung der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren.

Auch dank dieser Hilfsprogramme läuft die Realwirtschaft jetzt nach dem drastischen Lockdown wieder an – so stark, dass es schon an allen Ecken und Enden Engpässe in der Rohstoff- und Materialversorgung gibt. Knappheit herrscht sowohl bei Industriemetallen als auch bei den Agrarrohstoffen. Der Kupferpreis erreichte im Mai 2021 ein neues Allzeithoch, das 70 % über dem Kurs vor der Krise lag. Die Energiekosten sind gestiegen und die Transportkosten, z. B. für Schifffracht, haben sich im Vergleich zum Januar 2020 sogar mehr als verdoppelt.

 

Höchste Preissteigerung seit 1996

Die jüngsten Inflationszahlen zeichnen ein deutliches Bild. In den USA stiegen die Konsumentenpreise im Jahresvergleich um über 4 %, was dem höchsten Anstieg seit 2008 entspricht. Die Kerninflation, also um Energie und Nahrungsmittel bereinigt, stieg um gut 3 %. Das gab es seit 1996 nicht mehr. Ähnliche Daten kamen auch aus Europa.

Dass diese Teuerungsraten nur vorübergehend sein könnten, ist die Mehrheitsmeinung. Es gibt diesmal allerdings einige Unwägbarkeiten: Wie wirken sich die neuen Klimagesetze und CO2 -Abgaben auf die Verbraucherpreise aus? Hier könnte es nicht nur kurzfristig zu einer zusätzlichen Teuerung kommen! Wie geht das Hotel- und Gaststättengewerbe mit den langen Ausfallzeiten der vergangenen Monate um? Werden die Preise auch hier angepasst, um die Verluste wieder hereinzuholen? Sind die Gäste nach der Zeit der langen „Entbehrungen“ vielleicht sogar gern bereit höhere Preise zu bezahlen? Erschwerend hinzu kommt noch ein zu erwartender Personalmangel, welcher zu höheren Löhnen führen wird.

 

Lohnentwicklung im Blick behalten

Eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die inflationäre Entwicklung länger anhält, wäre, dass die Menschen auch ihre Kaufkraft erhalten können – z. B. indem sie höhere Löhne fordern und die Unternehmen auch bereit sind, diese zu bezahlen.

Und am Ende kommt es natürlich auch auf die Notenbanken an. Die EZB hat ein Inflationsziel von 2 % festgeschrieben. Sollte dieses nachhaltig übertroffen werden, müsste die Notenbank mit einer Zinsanpassung reagieren. Wenn sie das allerdings täte, würden die Schulden für die Staaten auch teurer zu finanzieren. Aufgrund der Pandemie haben sich viele Länder teils noch deutlich höher verschuldet. Beispiel Italien: Die nationale Notenbank prognostiziert, dass die Staatsverschuldung bis Ende 2021 auf 160 % der Wirtschaftsleistung steigt und somit so hoch ist, wie seit dem ersten Weltkrieg nicht mehr. Insofern ist es durchaus wahrscheinlich, dass die so verschuldeten Staaten eine gewisse Inflationierung bei sich erholender Gesamtwirtschaft für die nächsten Jahre sogar gerne sehen, um größere Probleme für die Weltwirtschaft zu vermeiden.

Über den Autor

Jörg Horneber kann auf eine klassische mehr als 25-jährige Bankkarriere zurückblicken. Nach einer Ausbildung bei der Deutschen Bank AG im Privatkundengeschäft und einem berufsbegleitenden Studium bei der Bankakademie, übernahm er die Position als Berater im Private Banking der Deutschen Bank AG Nordbayern bis Ende 2005. Darauffolgend als Relationship Manager bei der Commerzbank AG Private Wealth Management. Den Schwerpunkt seiner beruflichen Tätigkeit bildete immer die ganzheitliche Betreuung seiner Kunden.Seit April 2012 verstärkt er das Team der KSW Vermögensverwaltung AG als Portfoliomanager. In dieser Funktion ist er mit der individuellen Betreuung von Vermögensverwaltungsmandaten betraut.