Die Reichen der Mitte

Unter Chinas Führung entsteht gerade im asiatisch-pazifischen Raum die größte Freihandelszone der Welt. Das Land macht damit einen weiteren Schritt hin zur Spitze in der Weltwirtschaft. Währenddessen stehen die USA und die EU quasi am Spielfeldrand und dürfen nur zuschauen.

Acht Jahre zäher Verhandlungen brauchte es, bis der chinesische Staatspräsident Xi Jinping das Abkommen zur Errichtung der größten Freihandelszone der Welt (RCEP) unterzeichnen konnte. Gerade noch rechtzeitig, bevor im nächsten Jahr die großen Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der kommunistischen Partei begangen werden, untermauerte Xi damit, dass China auf dem Weg zur Nummer 1 der Weltwirtschaft nun endgültig nicht mehr zu stoppen sein dürfte.

Damit schließt sich ein Drittel der Weltbevölkerung zusammen, senkt die Handelszölle und baut bürokratische Hürden ab, um den ohnehin schon florierenden Waren- und Dienstleistungs-Austausch untereinander weiter zu beflügeln.

Trumps kleingeistige „America First“ Politik, einhergehend mit diversen Handelsstreitigkeiten, hat dieser Entwicklung Vorschub geleistet. Die noch unter Präsident Obama ausgehandelte Transpazifische Partnerschaft (TPP), die den Einfluss der USA in der Wachstumsregion Asien-Pazifik stärken sollte, liegt nach Trumps Aufkündigung gefühlt in unerreichbarer Ferne. Und bis der gewählte US-Präsident Joe Biden die Trumpschen Scherben aufgekehrt hat, dürfte der neue asiatisch-pazifische Wirtschafts-Dampfer schon ordentlich Seemeilen zurückgelegt haben.

Corona-Pandemie verschiebt das Kräfte-Verhältnis zugunsten Chinas

Natürlich könnte man gegenhalten, indem man auf den beachtlichen Anteil der USA (ca. 15,9 Prozent) und der Europäischen Union (ca. 15,4 Prozent) am kaufkraftbereinigten globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2019 verweist. Aber das ist leider der Blick in den Rückspiegel. Und der offenbart auch, dass Chinas Ausgangsbasis mit einem Anteil von ca. 17,4 Prozent ohnehin schon als hervorragend zu bezeichnen ist. Das Jahr 2020 wird die Verhältnisse noch weiter zu Gunsten des Reichs der Mitte verschieben. China wird im Gegensatz zur „westlichen Welt“ auch in Corona-Zeiten ein Wachstum erzielen, während sowohl die USA als auch die EU mit dem größten Wirtschaftseinbruch seit dem 2. Weltkrieg zu kämpfen haben.

Das stärkere Bevölkerungswachstum generell wie auch die Zunahme der kaufkräftigen Mittelschicht im Besonderen sprechen ebenfalls dafür, dass sich die Wirtschaft in Asien auch mittel- und langfristig dynamischer entwickeln wird als in Europa und den USA.

Die EU sollte den Schulterschluss mit China suchen

Müssen wir nun Angst haben vor dem neuen Wirtschafts-Koloss, der mit 2,2 Mrd. Menschen schon heute ein Drittel der Weltwirtschaftsleistung erbringt? Ich denke, man sollte eher den Schulterschluss suchen, auch wenn sich das Verhältnis der EU zu den USA unter Präsident Biden wieder bessern dürfte. Eines nämlich hat die westliche Staatengemeinschaft, die so sehr auf Exporte angewiesen ist, bis heute nicht erreicht: ein umfassendes Freihandelsabkommen. Die EU muss erwachsener und emanzipierter werden und sollte sich dieser boomenden Region nicht verschließen, sondern eher stärker zuwenden.

Der Multilateralismus und die Globalisierung haben ein neues Zuhause gefunden. Und so werden aus dem Reich der Mitte eher früher als später die „Reichen der Mitte“. Das Gute ist: als Anleger muss man nicht tatenlos zuschauen, wie uns die Felle wegzuschwimmen drohen. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, als Investor an der Wachstumsdynamik der RCEP-Gemeinschaft zu partizipieren.

 

Über den Autor

Seit mehr als 30 Jahren fühlt sich Udo Rieder dem Wertpapiergeschäft verbunden. Der Ausbildung bei der Deutschen Bank AG in Nürnberg folgten Einsätze als Investmentmanager in Lübeck und Genf, wo er das internationale Geschäft sehr wohlhabender Klienten betreute. Seine Rückkehr nach Deutschland führte ihn über die Leitung der Vermögensverwaltung für Nordbayern hin zur Verantwortung für die Investmentmanager im neu gegründeten Geschäftsbereich Private Wealth Management. Im Jahr 2008 ist er zur UBS Deutschland AG gewechselt, um die neu zu eröffnende Niederlassung Nürnberg mit aufzubauen. Seine berufliche Tätigkeit wurde flankiert von berufsbegleitenden Studien an der Bankakademie und der European Business School. Zudem ist er zertifizierter Eurex-Anlageberater. Im Januar 2015 trat Herr Rieder als Gesellschafter der KSW bei, um seine Kunden als Portfoliomanager weiterhin individuell zu betreuen.