Goethes Zauberlehrling taugt als Motto für das Zeitalter von KI und Robotik.
Wir rufen Geister, deren ökonomische Wirkung kaum zu überschätzen ist: Maschinen, die denken, schreiben, programmieren, planen – und bald immer mehr physische Arbeit übernehmen. Ihr Versprechen lautet Produktivität. Ihre Konsequenz könnte Überfluss sein.
Dass KI die Grenzkosten geistiger Arbeit senkt, ist messbar: Für die Antwortqualität von GPT-4 bei schwierigen Fachfragen zahlten Nutzer nach Berechnungen des Forschungsinstituts Epoch AI zuletzt Jahr für Jahr nur noch ein Vierzigstel des Vorjahrespreises. Texte, Software, Analysen, Übersetzungen entstehen mit immer weniger menschlichem Aufwand. Die Robotik dürfte dasselbe Prinzip in Fabriken, Lagerhallen und Logistik tragen.
Erst China, dann die Algorithmen
Ökonomisch wirkt das zunächst deflationär. Einen Vorgeschmack gab die Globalisierung: Der Westen importierte nicht nur Waren, sondern auch niedrigere Produktionskosten. Fernseher, Computer und Haushaltsgeräte wurden leistungsfähiger und zugleich billiger. Der Effekt wirkt bis heute: Nach Berechnungen der EZB drückten chinesische Importpreise die Teuerung von Industriegütern im Euroraum zuletzt um 0,27 Prozentpunkte. KI und Robotik könnten ähnlich wirken, nur grundlegender. Diesmal wandert Arbeit nicht bloß an einen günstigeren Ort. Ein Teil ihrer Kosten könnte schlicht verschwinden.
Für Anleger ist deshalb nicht entscheidend, was KI produzieren kann, sondern was sie nicht vermehren kann. Technologie beseitigt Knappheit nicht, sie verschiebt sie. Je billiger Intelligenz und automatisierte Arbeit werden, desto wertvoller könnte werden, was sich nicht beliebig skalieren lässt: Energie, Stromnetze, Rechenzentren, Kupfer, Halbleiterkapazitäten, attraktive Grundstücke, Eigentum an produktivem Kapital. Beim Kupfer etwa erwartet die Internationale Energieagentur (IEA) bis 2035 eine Angebotslücke von rund 30 Prozent. Ein Rechenzentrum lässt sich in zwei Jahren hochziehen, eine Kupfermine nicht.
Das Ergebnis könnte paradox aussehen: Konsumdeflation bei gleichzeitiger Asset-Inflation. Eine Analyse kostet vielleicht eines Tages einige Cent. Wohnraum in München oder Manhattan bleibt trotzdem begrenzt. Ein Roboter kann rund um die Uhr produzieren – aber er braucht Strom, Rohstoffe, Maschinen und Fläche.
Hinzu kommt ein Effekt, den Ökonomen seit 1865 kennen: William Stanley Jevons beobachtete damals, dass effizientere Dampfmaschinen den Kohleverbrauch nicht senkten, sondern in die Höhe trieben. Wird eine KI-Anfrage hundertmal günstiger, werden wir vermutlich nicht weniger KI einsetzen, sondern sehr viel mehr. Genau hier begegnen uns die Geister wieder, die wir riefen: Der Fortschritt löst alte Engpässe und schafft neue. Die Internationale Energie Agentur (IEA) erwartet, dass Rechenzentren ihren Stromverbrauch bis 2030 auf rund 945 Terawattstunden mehr als verdoppeln – in den Industrieländern über ein Fünftel des gesamten Nachfragezuwachses.
Wer die Engpässe besitzt, verdient am Überfluss
Für Investoren folgt daraus mehr als die Empfehlung, einige KI-Aktien zu kaufen. Wer an dieses Szenario glaubt, sollte Eigentümer der Produktivitätsgewinne sein – über Unternehmen, die Automation ermöglichen oder besonders effizient nutzen. Ebenso spricht einiges dafür, die knappen Inputs dieser Wirtschaft zu besitzen, wie Energie, Infrastruktur, Rohstoffe und gegebenenfalls hochwertige Immobilien.
Auch Bitcoin bekommt aus dieser Perspektive eine Rolle – weniger als klassischer Inflationsschutz, sondern als Wette auf glaubwürdige Knappheit in einer Welt digitalen Überflusses. KI kann eine Million Bilder, Programme oder Texte erzeugen. Aus 21 Millionen Bitcoin macht sie trotzdem keine 42 Millionen. Diese Obergrenze ist allerdings kein Naturgesetz, sondern Software – sie hält, solange das Netzwerk sie verteidigt.
Die wichtigste Investmentfrage des KI-Zeitalters lautet deshalb nicht: Was wird durch KI billiger? Sondern: Was bleibt knapp, wenn plötzlich vieles andere im Überfluss vorhanden ist?
Über den Autor

Tobias Wagner absolvierte eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Privatbank Max Flessa KG. Im Anschluss studierte er Wirtschaftswissenschaften (B.A.) und Finance, Auditing, Controlling and Taxation (M.Sc.). Sein dabei erworbenes Wissen vertiefte er unter anderem in der Steuerberatung, in der Wirtschaftsprüfung und im Portfoliomanagement. Während seines Studiums schloss er außerdem eine Ausbildung zum IHK geprüften Immobilienverwalter ab. Bevor Tobias Wagner 2021 zur KSW kam, war er im Wertpapiergeschäft der UmweltBank AG tätig. In seiner Funktion als Portfoliomanager ist er nun mit der individuellen Betreuung von Vermögensverwaltungmandaten betraut. Seit 1. Januar 2025 verstärkt Herr Wagner den Vorstand der KSW Vermögensverwaltung AG.
