KSW Kapitalmarktausblick
Die aktuellen Kapitalmärkte wirken auf den ersten Blick widersprüchlich. Geopolitische Spannungen, steigende Energiepreise, fragile Lieferketten, höhere Zinsen – und trotzdem bewegen sich viele US-Aktienindizes nahe ihrer Rekordstände. Haben sich die Börsen von der Realwirtschaft entkoppelt? Ganz so einfach ist es nicht. Die Märkte senden gerade zwei unterschiedliche Signale gleichzeitig.
Einerseits stützen robuste Unternehmensgewinne und der weltweite Investitionsschub rund um Künstliche Intelligenz die Aktienmärkte. Andererseits signalisieren höhere Rohstoffpreise, steigende Ölnotierungen und zunehmende Renditen an den Anleihemärkten, dass geopolitische Risiken und Inflationssorgen keineswegs vom Tisch sind. Anleger ignorieren diese Risiken nicht – sie gewichten sie anders als in klassischen Konjunkturabschwüngen.
Der KI-Boom als Wachstumsmotor
Der globale Ausbau von Künstlicher Intelligenz ist derzeit der stärkste Wachstumstreiber an den Märkten. Die Gewinnerwartungen vieler Unternehmen haben sich deutlich verbessert. Besonders dynamisch entwickeln sich große US-Technologiekonzerne sowie technologieorientierte Schwellenländer. Die Nachfrage nach Rechenleistung, Cloud-Infrastruktur und KI-Anwendungen wächst weltweit.
Unternehmen und Staaten investieren massiv in Rechenzentren, Halbleiterproduktion, Energieversorgung und Cybersicherheit. Der globale Wettbewerb um technologische Dominanz beschleunigt diesen Trend. Das Ergebnis ist ein Investitionszyklus, der derzeit stark genug ist, um viele klassische Belastungsfaktoren zu überlagern.
Gewinner und Verlierer: Europa hängt zurück
Innerhalb der Aktienmärkte gibt es klare Unterschiede. US-Aktien und asiatische Technologiestandorte wie Taiwan oder Südkorea entwickeln sich besonders stark. Europa hingegen leidet unter hohen Energiekosten, industrieller Schwäche und einer größeren Abhängigkeit von globalen Lieferketten. Auf Branchenebene profitieren vor allem technologie- und KI-nahe Bereiche – konjunktur- oder rohstoffabhängige Segmente hinken hinterher.
Bemerkenswert ist die relative Stabilität am Unternehmensanleihemarkt. Die Risikoaufschläge bewegen sich auf moderaten Niveaus. Dies zeigt, dass Investoren keine schwere globale Rezession erwarten. Zugleich wird immer deutlicher, dass die weitere Entwicklung maßgeblich von der Zinsseite abhängt.
Das Zinsdilemma: Wenn Wachstum teuer wird
Der KI-Ausbau erhöht den globalen Kapitalbedarf erheblich. In einer geopolitisch fragmentierten Welt verschärft das den Wettbewerb um Kapital. Staaten und Unternehmen müssen höhere Summen finanzieren und dafür mehr Zinsen bieten.
Bislang gleichen die Aktienmärkte diesen Effekt durch kräftiges Gewinnwachstum aus. Solange die Unternehmensgewinne dynamisch steigen, lassen sich höhere Finanzierungskosten teilweise kompensieren. Genau dieses Spannungsfeld prägt die Marktbewegungen: hohe Wachstumsdynamik auf der einen Seite, steigende Renditen auf der anderen.
Problematisch wird es, wenn sich die geopolitischen Belastungen verfestigen. Sollten Energie- und Rohstoffpreise längerfristig hoch bleiben, würde das die Inflation befeuern und die Kapitalmarktzinsen weiter steigen lassen. Höhere Finanzierungskosten würden dann stärker auf die Aktienbewertungen durchschlagen.
Die Inflationsfrage entscheidet alles
Der US-Arbeitsmarkt bleibt stark, die Löhne wachsen weiterhin deutlich. Der Spielraum der US-Notenbank für schnelle Zinssenkungen ist damit begrenzt. Auch im Euroraum bleibt das Umfeld schwierig: Das Wachstum verliert an Dynamik, der Inflationsdruck bleibt erhöht. Die Europäische Zentralbank hält deshalb an ihrer restriktiven Haltung fest.
Unsere Einschätzung: selektiv positiv – mit einem wichtigen Vorbehalt
Kurz- und mittelfristig bleibt unser Ausblick für Aktienmärkte positiv. Besonders US-Aktien und ausgewählte Schwellenländer mit starkem Technologie- und KI-Bezug erscheinen attraktiv. Im Anleihebereich bevorzugen wir kurz- bis mittelfristige Laufzeiten; langlaufende Staatsanleihen bleiben angesichts steigender Renditerisiken anfälliger.
Diese Einschätzung setzt allerdings eine Entspannung in der Straße von Hormus voraus. Hält die Beeinträchtigung dort an oder verschärft sie sich, ändert sich das Bild rasch: Inflation und Renditen steigen, Finanzierungsbedingungen verschlechtern sich und der KI-Investitionszyklus gerät unter Druck.
Über den Autor

Thorsten Göhl studierte als gebürtiger Nürnberger nach dem Abitur Volks- und Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Bank- & Börsenwesen sowie Kapitalmarkttheorie. Mit dem direkten Einstieg in das Private Banking bei der Deutschen Bank folgte im Jahr 2005 der Wechsel in die Praxis. Über einen Zeitraum von zehn Jahren betreute er dort seine Kunden in allen Fragen der Vermögensplanung und -anlage und der Nachfolgeplanung. Seit 2015 war Thorsten Göhl im Wealth Management der Deutschen Bank in Nürnberg als Investmentberater und Relationship Manager tätig und dabei für die Akquisition, Beratung und aktive Verwaltung liquider Vermögenswerte von Privatkunden und institutionellen Investoren verantwortlich. Seit Januar 2025 verstärkt Thorsten Göhl das Team der KSW Vermögensverwaltung AG als Portfoliomanager. Eine vertrauensvolle, persönliche Verbindung zu seinen Kunden steht im Mittelpunkt seiner langfristig orientierten Beratungstätigkeit.
