19.07.2018
Voll was? Vollgeld!

Udo Rieder

Relativ unbemerkt schickten sich die Schweizer kürzlich an, das bestehende Finanzsystem zu revolutionieren. In einem Volksentscheid stimmten unsere eidgenössischen Nachbarn darüber ab, ob das bestehende Buchgeld-System in ein Vollgeld-System transformiert werden soll.

Obwohl in den Verfassungen der meisten Länder verankert ist, dass das Monopol zur Geldschöpfung bei den Staaten oder deren Notenbanken liegt, haben faktisch seit Jahrzehnten private Finanzinstitute diese Funktion übernommen. Nur noch ein Zehntel des aktuell umlaufenden Geldes wurde von den Notenbanken geschaffen und ist durch effektive Noten und Münzen (Vollgeld) gedeckt. Bei gut 90 Prozent des Geldes handelt es sich also um wenig werthaltiges Giralgeld (Buchgeld)!

Diese Deregulierung des Geldsystems sollte für mehr Wirtschaftswachstum sorgen. Anfangs hat das auch funktioniert. Doch mittlerweile hat sich das System verselbstständigt. Durch die oftmals unkontrollierte Kreditvergabe, die von den Zentralbanken lediglich durch vergleichbar überschaubare Mindestreserveanforderungen reglementiert wird, hat sich das Geldvolumen (Giralgeld) immer stärker und schneller aufgebläht. Das führt dazu, dass Finanzkrisen immer häufiger entstehen und immer größere Ausmaße annehmen.

Das Missverhältnis zeigt sich in Deutschland, wo den Goldreserven im Wert von etwa 119 Milliarden Euro Target2-Salden in Höhe von rund 950 Milliarden Euro gegenüberstehen. Target2-Salden sind ausstehende Buchgeld-Forderungen gegenüber den Teilnehmern des Eurosystems. Diese Salden haben sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2007 fast verfünfzigfacht! Da ist es fast verwunderlich, dass der Anstoß zu einer Reform des Geldsystems nicht von Deutschland ausging.

Vollgeld heißt: Volle Besicherung
Bei einem Vollgeldsystem müssten Bankeinlagen und -kredite im vollem Umfang bei der Nationalbank mit werthaltigen Sicherheiten unterlegt werden. Die Befürworter sehen darin den Vorteil, dass das Finanzsystem krisensicherer wäre. Finanzkrisen, bank runs und too-big-to-fail-Probleme würden der Vergangenheit angehören. Außerdem könnte die jeweilige Notenbank enorme Geldschöpfungserlöse (sogenannte Seignorage-Erlöse) erzielen. Das hatte der IWF schon im Jahr 2012 bestätigt. Diese Gewinne könnten verwendet werden, um die Staatsschulden vollumfänglich zu tilgen und der Bevölkerung Geld zur Verfügung zu stellen. Schließlich sollten die Notenbanken als alleinige Herrscher über das Geldmengenwachstum die Konjunkturzyklen besser steuern und glätten können.

Schweizer Entscheid - ein Sieg kollektiver Intelligenz?
Natürlich klingen die Vorteile eines Vollgeldsystems verlockend. Kritiker halten dem jedoch gegenüber, dass die Verknappung der Geldmenge das Wirtschaftswachstum massiv bremsen könnte. Wenn den Banken ein beachtlicher Teil ihrer Geschäftsmöglichkeiten genommen würde, hätte das unvorhersehbare Folgen für das Gemeinwohl. Außerdem zweifeln viele Wirtschaftswissenschaftler an, ob die Notenbanker und die Politiker die Richtigen sind, wenn es darum geht, die Geldschöpfung sinnvoll einzusetzen. Man könnte diese Macht für politische Ziele missbrauchen.

Letztendlich votierte eine deutliche Mehrheit der Schweizer in allen Kantonen gegen die Vollgeld-Initiative. Ob das, wie so häufig bei Schweizer Volksentscheiden, einen Sieg der kollektiven Intelligenz darstellt, mag ich nicht beurteilen. Sollte ich Ihr Interesse geweckt haben, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen, dann ist schon Einiges gewonnen. Darüber nachzudenken lohnt sich allemal.
Artikel auf finanzen100.de

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